Sally Morgan: My Place
Mit fünfzehn Jahren begreift Sally Morgan, dass sie im Gegensatz zu vielen ihrer Schulkameraden Aboriginal-Vorfahren hat. Während sie in einem leicht chaotischen Haushalt mit vier Geschwistern in einem Vorort von Perth aufwächst, wird sie von Mutter und Großmutter zunächst in dem Glauben gelassen, ihre Vorfahren kämen aus Indien. Je weiter die Erzählung voranschreitet, desto mehr werden sich die Hauptpersonen jedoch Ihrer Herkunft bewusst. In ihrer autobiografischen Erzählung beschreibt Sally Morgan das Leid, das die so genannten „Gestohlenen Generationen“ bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts erleben mussten und das auch ihre eigene Famile betraf: hier wurden vom Staat systematisch Kinder aus Mischehen von ihren Familien getrennt und in staatlichen Erziehungsheimen erzogen. Wird anfangs die Ahnengeschichte von Mutter und Großmutter noch totgeschwiegen, entwickelt sich Sally sukzessive zum Chronisten ihrer eigenen Familie und bringt die Erzählungen ihres Großonkels Arthur, ihrer Mutter Gladys und ihrer Großmutter Daisy zu Papier.
Der Beginn des Romans ist zunächst geprägt von der Krankheit des Vaters der Familie, der als ehemaliger Kriegsgefangener des Zweiten Weltkriegs in einem psychiatrischen Krankenhaus in Perth behandelt wird. Als sich sein Zustand immer weiter verschlechtert und er an den Folgen seiner traumatischen Erlebnisse stirbt, übernehmen Mutter und Großmutter die Erziehung der insgesamt fünf Kinder. Bis zu dem Tag, als sich Sally ihrer Herkunft bewusst wird, verweist höchstens das Interesse besonders der Großmutter an der Natur darauf, dass bald die Auseinandersetzung mit der eigenen Aboriginal-Identität beginnen wird.
For the first time in my fifteen years, I was conscious of
Bei mehreren Gelegenheiten versucht Sally vergeblich, ihrer eigenen Herkunft auf die Spur zu kommen. Leider verweigern Mutter und besonders die Großmutter jede Auskunft, das Thema ist tabu. Verwoben mit der Frage der eigenen Herkunft ist das Verhältnis der Familie zur Regierung und zu jeglicher Form von staatlicher Autorität.
[…] You don’t know what the government’s like, you’re too young. You’ll find out one day what they can do to people. You never trust anybody who works for the government, you dunno what they say about you behind your back. […] (pp.95f)
Sally entschließt sich schließlich, die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben. Arthur, der Bruder ihrer Großmutter, beginnt kurz vor seinem Tod Licht in die Geschichte der eigenen Familie zu bringen. Eine Reise nach Sydney und in den Norden Westaustraliens bringen weitere Erkenntnisse und viele neue alte Bekannte und Verwandte. Sallys Mutter ist die nächste, die beschreibt, wie sie ihrer Mutter fortgenommen und in Parkerville, einem strengen Kinderheim, erzogen wurde, bevor sie endlich nach vielen Jahren wieder mit ihrer Mutter zusammenleben durfte. Zu guter letzt, ebenfalls kurz vor ihrem Tod, erzählt auch die Großmutter ihre eigene Geschichte.
Über den literarischen Wert von My Place wurde und wird viel diskutiert. Die Erzählung steckt teilweise voller mehr oder weniger offensichtlicher Klischees über die Kultur der Aborigines: die Familie liebt das Zusammensein besonders bei offenem Feuer; viele Familienmitglieder haben ein fast schon an Spiritualität grenzendes Verhältnis zur Natur; Sally malt in der Schule ihre Eltern ohne Kleidung. Der Erzählstil ist teilweise langatmig und bietet oft wenig Überraschendes. Außerdem schreibt die Autorin so detailliert und ohne Selbstironie bzw. Selbstzweifel über ihre früheste Kindheit, dass man sich fragt, wie früh ein Mensch mit dem Schreiben von Tagebüchern eigentlich beginnen kann.
Auf der anderen Seite war die Veröffentlichung von My Place für australische Verhältnisse unglaublich erfolgreich: seit 1987 wurden mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. Erst drei Jahre nach der Erstveröffentlichung wurde eine Untersuchung bezüglich der Schicksale der „gestohlenen Generationen“ eingeleitet, deren Ergebnisse erst weitere sieben Jahre später im Bericht Bringing them home (1997) herausgegeben wurden. Vor diesem Hintergrund bekommt Sally Morgans Familiengeschichte wiederum eine besondere Bedeutung. Und obwohl der Erzählstil dem Buch sicherlich nicht den Status eines pageturners verleiht, ist der Roman vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Premierminister Kevin Rudds Entschuldigung gegenüber den „Gestohlenen Generationen“ auf seine Weise ein Standardwerk, das etwas Licht in eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren australischen Geschichte wirft.

[...] das Schicksal einer Familie in der Zeit der Stolen Generations zeigt. (Einen Roman zu diesem Thema, Sally Morgan’s My Place hatte ich vor einigen Monaten in diesem Blog vorgestellt.) Die zwei Schwestern Molly und Daisy [...]