Cricket
Wenn es einen Sport gibt, der das Herz jedes Australiers höher schlagen lässt und gleichzeitig viel über Australiens Geschichte und Selbstverständnis ausdrückt, dann ist es Cricket. Diese Sportart hat viele Besonderheiten und komplizierte Regeln, die man erst wirklich verstehen kann, wenn man Cricket mit der Muttermilch aufgesogen hat. Spiele heißen in der Königsklasse tests, erstrecken sich über mehrere Tage, werden durch erfrischende Pausen für Tees und Mahlzeiten unterbrochen und von Spielern gespielt, denen das geschickte Schlagen und Fangen des Cricket-Balls ebenso wichtig zu sein scheint wie die Unversehrtheit der blitzweißen gestärkten Uniform.
Im Prinzip funktioniert dieser Sport sol: Ein Ballwerfer (bowler) von Team A schleudert den Ball in Richtung des Schlagmanns (batsman) von Team B und versucht, die Gestänge (wickets) hinter Letzterem zu treffen. Der Schlagmann probiert nun seinerseits, den Ball möglichst weit ins Feld zu schlagen, sodass die Feldspieler des Teams A ihre liebe Mühe damit haben, den Ball einzufangen und in die Mitte zurückzuwerfen. Ist der Ball so im Spiel, hat der Ballwerfer nun die Möglichkeit, zwischen zwei Strichen hin- und herzulaufen und somit Punkte (runs) zu sammeln. Eine detaillierte und bebilderte Beschreibung des Sports findet sich bei Wikipedia.
Es scheint bezeichnend für diese Gentleman-Sportart, dass verbale Ausrutscher gleich politische Verstimmungen mittleren Kalibers auslösen können– jüngst geschehen bei einem Testspiel zwischen Australien und Indien in Sydney Anfang Januar. Der indische Spieler Harbhajan Singh bedachte dabei mutmaßlich die australische Cricket-Legende Andrew Symonds mit dem Kosenamen „big monkey“. Vom International Cricket Council (ICC) als rassistische Äußerung bewertet, sollte Singh als Strafe für drei Spiele gesperrt werden. Die indische Dachorganisaton (Indian Cricket Board – BCCI) drohte daraufhin, sich komplett aus dem Turnier verabschieden. Der verbalen Freundlichkeiten nicht genug bezeichnete der australische Spieler Brad Hogg einige Zeit später das ganze indische Team als „bastards“. (Gegen Rijkaards Spuck- und Zidanes Kopfattacken im Fußball unserer Hemisphäre wirkt das Ganze natürlich recht zart.)
Cricket wurde zuerst in England von Bauern und Hirten gespielt, bevor die Regeln verfeinert wurden, Adelige professionelle Teams aufbauten und sich das Spiel zum Nationalsport entwickelte. Als Kolonialmacht “exportierte” England die Sportart in die ganze Welt, sodass heute die besten Teams vor allem aus den Nationen des ehemaligen Commomwealth stammen. Dies gilt beispielsweise für Australien, Neuseeland, Südafrika und Länder Südostasiens wie Indien, Pakistan und Sri Lanka. Bei einem internationalen Cricket-Turnier, so scheint es mir jedenfalls, schwebt also immer ein klein wenig Britisches Empire über den Stadien (ovals). So viele historische Verbindungen es aber zwischen Australien und dem England gibt: beim Cricket hat man das “Mutterland” längst abgehängt.
Foto: Flickr (Demsone)