HMAS Sydney geborgen

HMAS SydneyAm 19. November 1941 ereignete sich im Indischen Ozean die größte Katastrophe und gleichzeitig das größte Mysterium der australischen militärischen Seefahrt: der Kreuzer HMAS Sydney wurde nach einem Feuergefecht mit dem deutschen Hilfskreuzer Kormoran so schwer beschädigt, dass er entfernt der Kampfstelle ungesehen versank und die gesamte 645 Mann starke Besatzung in den Tod riss. Die Kormoran sank auf der Stelle, wobei mehr als 300 Seeleute der insgesamt 390 Mann starken Besatzung gerettet werden konnten.

Das Puzzle scheint sich nun in doppelter Hinsicht zu lösen: Am vergangenen Samstag wurde das Wrack der Kormoran 240 Kilometer westlich der Shark Bay im Indischen Ozean gefunden, nachdem weite Teile des Meerbodens mit Sonartechnologie abgesucht worden waren. Nur zwei Tage später meldeten die Forscher dann den Fund der HMAS Sydney, nur 22 Kilometer von der Kormoran entfernt. Zwar herrschen in Expertenkreisen noch Zweifel an der Echheit des Fundes – es könnte sich bei den Funden auch um Teile des ebenfalls vor der Küste Westautraliens versenkten amerikanischen Schiffes Peter Silvester handeln – doch in einer offiziellen Ansprache der Regierung sprach Premierminister den Familien der Hinterbliebenen bereits sein Beileid aus.

(Bildquelle: Wikipedia)

Sydney: Hop oder Top?

Wie lebt sich’s eigentlich so in Sydney? Interessanterweise kommen zwei Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Während der Anholt City Brands Index Sydney nun schon zum zweiten Mal auf Platz 1 sieht – hinter London, Paris, Rom und New York – besagt eine Befragung von SMH/Nielsen (The great Sydney exodus), dass 21% aller Sydneysider planen, die Stadt zu verlassen. Gründe dafür seien vor allem das hohe Verkehrsaufkommen und die hohen Lebenshaltungskosten.

Sally Morgan: My Place

Mit fünfzehn Jahren begreift Sally Morgan, dass sie im Gegensatz zu vielen ihrer Schulkameraden Aboriginal-Vorfahren hat. Während sie in einem leicht chaotischen Haushalt mit vier Geschwistern in einem Vorort von Perth aufwächst, wird sie von Mutter und Großmutter zunächst in dem Glauben gelassen, ihre Vorfahren kämen aus Indien. Je weiter die Erzählung voranschreitet, desto mehr werden sich die Hauptpersonen jedoch Ihrer Herkunft bewusst. In ihrer autobiografischen Erzählung beschreibt Sally Morgan das Leid, das die so genannten „Gestohlenen Generationen“ bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts erleben mussten und das auch ihre eigene Famile betraf: hier wurden vom Staat systematisch Kinder aus Mischehen von ihren Familien getrennt und in staatlichen Erziehungsheimen erzogen. Wird anfangs die Ahnengeschichte von Mutter und Großmutter noch totgeschwiegen, entwickelt sich Sally sukzessive zum Chronisten ihrer eigenen Familie und bringt die Erzählungen ihres Großonkels Arthur, ihrer Mutter Gladys und ihrer Großmutter Daisy zu Papier.

Der Beginn des Romans ist zunächst geprägt von der Krankheit des Vaters der Familie, der als ehemaliger Kriegsgefangener des Zweiten Weltkriegs in einem psychiatrischen Krankenhaus in Perth behandelt wird. Als sich sein Zustand immer weiter verschlechtert und er an den Folgen seiner traumatischen Erlebnisse stirbt, übernehmen Mutter und Großmutter die Erziehung der insgesamt fünf Kinder. Bis zu dem Tag, als sich Sally ihrer Herkunft bewusst wird, verweist höchstens das Interesse besonders der Großmutter an der Natur darauf, dass bald die Auseinandersetzung mit der eigenen Aboriginal-Identität beginnen wird.

For the first time in my fifteen years, I was conscious of Nan’s colouring. She was right, she wasn’t white. Well, I thought logically, if she wasn’t white, then neither were we. What did that make us, what did that make me? I had never thought of myself as being black before. (p.97)

Bei mehreren Gelegenheiten versucht Sally vergeblich, ihrer eigenen Herkunft auf die Spur zu kommen. Leider verweigern Mutter und besonders die Großmutter jede Auskunft, das Thema ist tabu. Verwoben mit der Frage der eigenen Herkunft ist das Verhältnis der Familie zur Regierung und zu jeglicher Form von staatlicher Autorität.

[…] You don’t know what the government’s like, you’re too young. You’ll find out one day what they can do to people. You never trust anybody who works for the government, you dunno what they say about you behind your back. […] (pp.95f)

Sally entschließt sich schließlich, die Geschichte ihrer Familie aufzuschreiben. Arthur, der Bruder ihrer Großmutter, beginnt kurz vor seinem Tod Licht in die Geschichte der eigenen Familie zu bringen. Eine Reise nach Sydney und in den Norden Westaustraliens bringen weitere Erkenntnisse und viele neue alte Bekannte und Verwandte. Sallys Mutter ist die nächste, die beschreibt, wie sie ihrer Mutter fortgenommen und in Parkerville, einem strengen Kinderheim, erzogen wurde, bevor sie endlich nach vielen Jahren wieder mit ihrer Mutter zusammenleben durfte. Zu guter letzt, ebenfalls kurz vor ihrem Tod, erzählt auch die Großmutter ihre eigene Geschichte.

Über den literarischen Wert von My Place wurde und wird viel diskutiert. Die Erzählung steckt teilweise voller mehr oder weniger offensichtlicher Klischees über die Kultur der Aborigines: die Familie liebt das Zusammensein besonders bei offenem Feuer; viele Familienmitglieder haben ein fast schon an Spiritualität grenzendes Verhältnis zur Natur; Sally malt in der Schule ihre Eltern ohne Kleidung. Der Erzählstil ist teilweise langatmig und bietet oft wenig Überraschendes. Außerdem schreibt die Autorin so detailliert und ohne Selbstironie bzw. Selbstzweifel über ihre früheste Kindheit, dass man sich fragt, wie früh ein Mensch mit dem Schreiben von Tagebüchern eigentlich beginnen kann.

Auf der anderen Seite war die Veröffentlichung von My Place für australische Verhältnisse unglaublich erfolgreich: seit 1987 wurden mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft. Erst drei Jahre nach der Erstveröffentlichung wurde eine Untersuchung bezüglich der Schicksale der „gestohlenen Generationen“ eingeleitet, deren Ergebnisse erst weitere sieben Jahre später im Bericht Bringing them home (1997) herausgegeben wurden. Vor diesem Hintergrund bekommt Sally Morgans Familiengeschichte wiederum eine besondere Bedeutung. Und obwohl der Erzählstil dem Buch sicherlich nicht den Status eines pageturners verleiht, ist der Roman vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Premierminister Kevin Rudds Entschuldigung gegenüber den „Gestohlenen Generationen“ auf seine Weise ein Standardwerk, das etwas Licht in eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren australischen Geschichte wirft.

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Nutzloser Pornofilter

Es hätte so ein großer Erfolg der Howard-Regierung werden können – in den Augen der Howard-Regierung: mit viel Aufwand (das Gesamtbudget für die Aktion NetAlert belief sich auf knapp 190 Millionen Dollar) wurde unter anderem eine Filter-Software erstellt, die Kinder vor pornografischen Inhalten aus dem Internet schützen sollte. Der Versuch floppte in doppelter Hinsicht: zum einen hatten nur gut 140.000 der ursprünglich geplanten 2,5 Millionen Haushalte die gratis erhältliche Software heruntergeladen, zum anderen wurde der Filter kurz nach Erscheinen von einem 16-Jährigen geknackt.

Via SMH

Unbeschwertes Schafleben

SchaftDa denkt man, so ein Schaf hat ein bequemes Leben. Ist man ein Wollschaf, muss man nur fressen und wachsen lassen. Ist man ein Fleischschaf … naja, aber bis zum Kochtopf ist’s doch auch bequem. Meint man. Was ich bis dato nicht wusste, ist, dass australische Bauern ihren Schafen auf bestimmte Weise ein Stück Haut vom Schwanz abschneiden, um damit dem sogenannten “flystrike” vorzubeugen: hier wird so ein Schaf ziemlich unappetitlich von Maden … wollen wir uns das lieber nicht vorstellen. Diese Praxis ist nach dem Erfinder als “mulesing” benannt und bekannt und unter Tierschützern umstritten. Jetzt zieht die Modekette H&M die Konsequenzen und kauft keine australische Wolle mehr, um dieses Vorgehen nicht weiter zu unterstützen. In diesem Zusammenhang kann man nur von Glück reden, dass Bikinis nicht aus Wolle gemacht sind: Australiens Kylie Minogue hatte im letzten Jahr für H&M Bademode präsentiert.

Foto: Flickr (Duchamp)

Kevin Rudds Entschuldigung, deutsche Version

Jetzt habe ich einmal die Zeit gefunden, die heute morgen um 9h australischer Zeit in Canberra verlesene Rede des australischen Premierministers zu übersetzen:

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Heute ehren wir die eingeborenen Völker dieses Landes, die ältesten fortdauernden Kulturen der Menschheitsgeschichte.

Wir denken über ihre Misshandlungen in der Vergangenheit nach.

Besonders denken wir an die Misshandlungen derjenigen der gestohlenen Generationen – dieses dunkle Kapitel in der Geschichte unserer Nation.

Nun ist die Zeit gekommen, eine neue Seite in der australischen Geschichte aufzuschlagen, indem wir die Fehler der Vergangenheit korrigieren und mit Zuversicht unserer Zukunft entgegengehen.

Wir bitten um Entschuldigung für die Gesetze und Methoden früherer Parlamente und Regierungen, die tiefe Trauer und unsagbares Leid über unsere australischen Mitbrüder und Mitschwestern gebracht haben.

Wir bitten besonders dafür um Entschuldigung, dass Kinder der Aboriginals und der Torres Strait Islander ihren Familien, Gemeinschaften und ihrem Land genommen wurden.

Für den Schmerz, das Leiden und die Kränkungen dieser gestohlenen Generationen, ihrer Nachkommen und der hinterlassenen Familien bitten wir um Verzeihung.

Dafür, dass Familien und Gemeinschaften zerstört wurden, bitten wir die Mütter und Väter und die Brüder und Schwestern um Verzeihung.

Schließlich bitten für die Demütigung und Erniedrigung, die einem stolzen Volk und einer stolzen Kultur angetan wurde, um Verzeihung.

Wir, das Parlament Australiens bitten höflich darum, dass diese Entschuldigung in dem Geist verstanden wird, wie sie gemeint ist, als Teil der Genesung unserer Nation.

Für die Zukunft fassen wir uns ein Herz; entschlossen, dass diese neue Seite in der Geschichte unseres großartigen Kontinents geschrieben werden kann.

Wir gehen heute diesen ersten Schritt, indem wir die Vergangenheit anerkennen und eine Zukunft beanspruchen, die alle Australier einbezieht.

Eine Zukunft, in der das Parlament entschlossen ist, dass die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit sich niemals mehr wiederholen dürfen.

Eine Zukunft, in der wir die Entschlossenheit aller Australier, eingeborene und nicht eingeborene, nutzen, um die Lücke zwischen uns bei Lebenserwartung, Ausbildung und wirtschaftlichen Chancen zu schließen,

Eine Zukunft, in der wir die Möglichkeiten neuer Lösungen annehmen, und bestehende Probleme lösen, bei denen alte Lösungswege versagt haben.

Eine Zukunft basierend auf beiderseitigem Respekt, beiderseitiger Entschlossenheit und beiderseitiger Verantwortung.

Eine Zukunft in der alle Australier, ganz gleich wo ihre Wurzeln liegen, wirklich gleiche Partner sind, mit gleichen Chancen und mit gleichem Anteil daran, das nächste Kapitel unseres großartigen Landes, Australien, mitzugestalten.

Der Text der Entschuldigung

Vor der eigentlichen Entschuldigungsrede wegen der Ungerechtigkeiten der “stolen generations” hat Premierminister Rudd seinen Text bereits veröffentlicht. Ich füge ihn hier der Einfachheit halber einfach mal ein, wenn ich dazu komme liefere ich noch eine Übersetzung nach.

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“Today we honour the Indigenous peoples of this land, the oldest continuing cultures in human history.

We reflect on their past mistreatment.

We reflect in particular on the mistreatment of those who were Stolen Generations – this blemished chapter in our nation’s history.

The time has now come for the nation to turn a new page in Australia’s history by righting the wrongs of the past and so moving forward with confidence to the future.

We apologise for the laws and policies of successive Parliaments and governments that have inflicted profound grief, suffering and loss on these our fellow Australians.

We apologise especially for the removal of Aboriginal and Torres Strait Islander children from their families, their communities and their country.

For the pain, suffering and hurt of these Stolen Generations, their descendants and for their families left behind, we say sorry.

To the mothers and the fathers, the brothers and the sisters, for the breaking up of families and communities, we say sorry.

And for the indignity and degradation thus inflicted on a proud people and a proud culture, we say sorry.

We the Parliament of Australia respectfully request that this apology be received in the spirit in which it is offered as part of the healing of the nation.

For the future we take heart; resolving that this new page in the history of our great continent can now be written.

We today take this first step by acknowledging the past and laying claim to a future that embraces all Australians.

A future where this Parliament resolves that the injustices of the past must never, never happen again.

A future where we harness the determination of all Australians, Indigenous and non-Indigenous, to close the gap that lies between us in life expectancy, educational achievement and economic opportunity.

A future where we embrace the possibility of new solutions to enduring problems where old approaches have failed.

A future based on mutual respect, mutual resolve and mutual responsibility.

A future where all Australians, whatever their origins, are truly equal partners, with equal opportunities and with an equal stake in shaping the next chapter in the history of this great country, Australia.”

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Quelle: Apology to the stolen generations

Nachtrag:You need to a flashplayer enabled browser to view this YouTube video

Das kleine Wörtchen “sorry”

Bringing them homeEin unrühmliches Kapitel der jüngeren australischen Geschichte ist dies der so genannten “stolen generation”. Hier wurden von 1869 bis 1969 (offizielle Angabe) systematisch vornehmlich “Mischlingskinder” (halfcaste) der australischen Ureinwohner gewaltsam von ihren Familien getrennt, um sie nach Prinzipien der westlichen Einwanderer zu erziehen. Dazu wurden die Kinder und Jugendlichen in Erziehungslager und Waisenhäuser gebracht, oft weit entfernt von ihren Familien.

Grundlage für diese nach heutigen Maßstäben unvorstellbare, staatlich sanktionierte Grausamkeit war vor allem die weit verbreitete Ansicht, dass Halblütige den Aboriginals intellektuell überlegen seien und es daher die Pflicht des Staates sei, dafür zu sorgen, dass sie die Chance erhielten, ein besseres Leben zu führen als ihre Aboriginal-Brüder. James Isdell, Chief Protector (“Beschützer”) der Aboriginals beispielsweise, der mit dem “Aboriginal Act” in Westaustralien im Jahr 1905 automatisch zum Vormund aller Aboriginals unter 16 Jahren wurde, war der Ansicht, er würde keinen Moment zögern, einer Mutter solch ein Kind wegzunehmen, so schlimm die Trauer in den Familien auch sei. Früher oder später würde sie den Nachwuchs einfach vergessen.

Kevin Rudd Australische Regierungen haben sich seither für diese Praxis der Zwangsverschleppung nicht entschuldigt. Zuletzt sorgte der ehemalige Premierminister John Howard dafür, dass zwar ein Bedauern ausgesprochen und ein National Sorry Day eingerichtet wurde, zu einer richtigen, von den Aboriginals akzeptierte Entschuldigung kam es jedoch nie. So erstaunlicher ist es daher zu lesen, dass der neue Premierminister Kevin Rudd angekündigt hat, sich morgen in einer von ihm selbst verfassten Rede bei den betroffenen Generationen offiziell im Namen der Regierung zu entschuldigen. Wert legen alle Beteiligten vor allem auf die Tatsache, dass das Wort “sorry” im Text vorkommt, sodass die Rede auch von den Betroffenen als Entschuldigung anerkannt werden kann.

Das Thema “stolen generation” ist ein sehr komplexer Sachverhalt und wird spätestens nach Veröffentlichung des Berichts Bringing them home: The ‘Stolen Children’ report im Jahr 1997 immer noch sehr kontrovers diskutiert. An dieser Stelle sollte es lediglich einmal angerissen werden, später komme ich sicherlich noch öfter darauf zurück.

Flughafen-Bürokratie

Sydney AirportBei aller Exotik Australiens – andere Hemisphäre, völlig andere Tier- und Pflanzenwelt – gibt es doch Dinge, die einen ein wenig an die eigene Heimat erinnern: Für den Flughafen in Sydney gilt ein Nachtflugverbot, Flugzeuge dürfen nur bis 23h starten. Diese durchaus sinnvolle Maßnahme, die den Menschen in den umliegenden Vororten die wohlverdiente Nachtruhe garantiert, wurde kürzlich sehr bürokratisch überinterpretiert. Da sich Abflüge von Jetstar und Virginblue in der letzten Woche wegen schlechten Wetters verzögerten, sodass die 23h-Deadline um einige Minuten hätte überschritten werden müssen, wurden diese Flüge kurzerhand gestrichen und auf den nächsten Morgen verschoben. In einigen Fällen mussten Menschen deswegen draußen vor dem abgeschlossenen Terminalgebäude im Regen campieren, in anderen wurde die ganze Nacht über mehr oder weniger erfolgreich versucht, zumindest Schwangeren und Familien mit Kindern ein Hotelzimmer in der Umgebung gesucht. Die Menschen sind mittlerweile hoffentlich an ihren Zielorten angekommen, mir bleibt nur Kopfschütteln und eine 10-Dollar-Spende für die Amtsschimmelkasse.

Foto: Flickr (elkbuntu)

Cricket

CricketWenn es einen Sport gibt, der das Herz jedes Australiers höher schlagen lässt und gleichzeitig viel über Australiens Geschichte und Selbstverständnis ausdrückt, dann ist es Cricket. Diese Sportart hat viele Besonderheiten und komplizierte Regeln, die man erst wirklich verstehen kann, wenn man Cricket mit der Muttermilch aufgesogen hat. Spiele heißen in der Königsklasse tests, erstrecken sich über mehrere Tage, werden durch erfrischende Pausen für Tees und Mahlzeiten unterbrochen und von Spielern gespielt, denen das geschickte Schlagen und Fangen des Cricket-Balls ebenso wichtig zu sein scheint wie die Unversehrtheit der blitzweißen gestärkten Uniform.

Im Prinzip funktioniert dieser Sport sol: Ein Ballwerfer (bowler) von Team A schleudert den Ball in Richtung des Schlagmanns (batsman) von Team B und versucht, die Gestänge (wickets) hinter Letzterem zu treffen. Der Schlagmann probiert nun seinerseits, den Ball möglichst weit ins Feld zu schlagen, sodass die Feldspieler des Teams A ihre liebe Mühe damit haben, den Ball einzufangen und in die Mitte zurückzuwerfen. Ist der Ball so im Spiel, hat der Ballwerfer nun die Möglichkeit, zwischen zwei Strichen hin- und herzulaufen und somit Punkte (runs) zu sammeln. Eine detaillierte und bebilderte Beschreibung des Sports findet sich bei Wikipedia.

Es scheint bezeichnend für diese Gentleman-Sportart, dass verbale Ausrutscher gleich politische Verstimmungen mittleren Kalibers auslösen können– jüngst geschehen bei einem Testspiel zwischen Australien und Indien in Sydney Anfang Januar. Der indische Spieler Harbhajan Singh bedachte dabei mutmaßlich die australische Cricket-Legende Andrew Symonds mit dem Kosenamen „big monkey“. Vom International Cricket Council (ICC) als rassistische Äußerung bewertet, sollte Singh als Strafe für drei Spiele gesperrt werden. Die indische Dachorganisaton (Indian Cricket Board – BCCI) drohte daraufhin, sich komplett aus dem Turnier verabschieden. Der verbalen Freundlichkeiten nicht genug bezeichnete der australische Spieler Brad Hogg einige Zeit später das ganze indische Team als „bastards“. (Gegen Rijkaards Spuck- und Zidanes Kopfattacken im Fußball unserer Hemisphäre wirkt das Ganze natürlich recht zart.)

Cricket wurde zuerst in England von Bauern und Hirten gespielt, bevor die Regeln verfeinert wurden, Adelige professionelle Teams aufbauten und sich das Spiel zum Nationalsport entwickelte. Als Kolonialmacht “exportierte” England die Sportart in die ganze Welt, sodass heute die besten Teams vor allem aus den Nationen des ehemaligen Commomwealth stammen. Dies gilt beispielsweise für Australien, Neuseeland, Südafrika und Länder Südostasiens wie Indien, Pakistan und Sri Lanka. Bei einem internationalen Cricket-Turnier, so scheint es mir jedenfalls, schwebt also immer ein klein wenig Britisches Empire über den Stadien (ovals). So viele historische Verbindungen es aber zwischen Australien und dem England gibt: beim Cricket hat man das “Mutterland” längst abgehängt.

Foto: Flickr (Demsone)

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